Marcel Chelba – Das Wesen der Macht/The Essence of Power

Kommentare (aka „Kantinomus“) auf YouTube zum Vortrag „Warum Krieg?“ von Professor Rainer Mausfeld

YouTube comments (aka “Kantinomus”) on the lecture “Why War?” by Prof. Rainer Mausfeld.

Erster Kommentar

Eines Tages ist ein Elefant aus Versehen auf den Schwanz einer Maus getreten. „Tut’s weh, Mäuschen?“ – fragte der Elefant mit einem schiefen Lächeln. „Nimm ihn weg, sonst bringe ich ihn um!“ – schrie die Mäuschen… zur Erheiterung des ganzen Dschungels. Die arme Mäuschen war nur ein „Kollateralopfer“ der Freiheit des Elefanten, zu tun, was er wollte. Das Wesen der Macht ist die Freiheit, anderen Leid zuzufügen, ohne bestraft zu werden.

1st Comment (alias ”Kantinomus”):

One day, an elephant accidentally stepped on a mouse’s tail. ‘Does it hurt, little mouse?’ – the elephant asked with a wry smile. ‘Take him away or I’ll kill him!’ – cried the little mouse… to the amusement of the whole jungle. The poor little mouse was just a ‘collateral victim’ of the elephant’s freedom to do as he pleased. The essence of power is the freedom to harm others without being punished.

Zweiter Kommentar

Kant lebte in einer Welt der Mächtigen. Was konnte er tun? Es ist ein Wunder, dass ein Mann wie Immanuel Kant es geschafft hat, eine akademische Karriere zu machen. Heutzutage wäre das unmöglich. Kant war weder ein Kollaborateur mit dem Establishment noch ein Dissident. Kant versuchte, der Vernunft den ihr gebührenden Platz in unserer gesellschaftlichen Existenz zu geben, das heißt, sie in den Dienst von Frieden und Fortschritt zu stellen. Das war das grundlegende Desiderat der Kantischen Philosophie, und das dürfen wir nie vergessen, wenn wir Kant richtig verstehen wollen. Auf jeden Fall finde ich diesen Vortrag von Prof. Mausfeld meisterhaft.

2nd Comment

Kant lived in a world of the powerful. What could he do? It is a miracle that a man like Immanuel Kant managed to have an academic career. Nowadays that would be impossible. Kant was neither a collaborator with the establishment nor a dissident. Kant tried to give reason its rightful place in our social existence, that is, to put it at the service of peace and progress. That was the fundamental desideratum of Kant’s philosophy, and we must never forget that if we want to understand Kant properly. In any case, I find this lecture by Prof. Mausfeld masterful.

Dritter Kommentar

Ich glaube, dass wir die Frage der Freiheit eher als eine Gruppe von „Freiheitsgraden“ (wie man in der Physik sagt) betrachten sollten, oder als ein Bezugssystem, bei dem zum Beispiel eine Achse die Skala der materiellen Werte wäre (die das Maß für unsere egoistischen Handlungen darstellt) und die andere Achse die Skala der geistigen Werte, die das Maß für unsere moralischen Taten darstellt.

Niemand kann ein Leben lang moralisch oder unmoralisch sein. Es kann eine Dominanz geben, eine Neigung zum Egoismus oder zum Altruismus, oder es kann Schwankungen, Umkehrungen oder Sprünge von dem einen oder dem anderen Extrem geben. Alle möglichen mathematischen Funktionen würden verschiedene menschliche Charaktere in diesem Bezugssystem beschreiben.

Das Problem ist, wie diese ganze Vielfalt menschlicher Charaktere im realen gesellschaftlichen Leben angeordnet wird.

Die politisch stabilste Form scheint die Pyramide der Macht zu sein (Despotismus, Tyrannei usw.)

Die Demokratie ist eine Form des instabilen sozialen Gleichgewichts, sie ist wie eine Art Pyramide mit der Spitze nach unten. Doch die Demokratie kann ein mindestens ebenso stabiles Gleichgewicht finden, wenn sie wie ein Kreisel gedreht wird. Die Stabilität der Demokratie wird durch die Rotation der Parteien an der Macht gewährleistet. Wenn sich Politiker im Amt verewigen, werden Verwaltungen ankylos und brechen zusammen – die gesamte politische Klasse verliert unwiderruflich das Vertrauen der Wählerschaft.

Die Verwaltungspyramiden der Tyranneien sind in Wirklichkeit die Trümmerhaufen der gescheiterten Demokratien.

3rd Comment

I believe that we should look at the question of freedom more as a set of ‘degrees of freedom’ (as they say in physics), or as a frame of reference where, for example, one axis would be the scale of material values (which is the measure of our selfish actions) and the other axis would be the scale of spiritual values, which is the measure of our moral actions.

No one can be moral or immoral for a lifetime. There can be a dominance, a tendency towards selfishness or altruism, or there can be fluctuations, reversals or jumps from one extreme or the other. All possible mathematical functions would describe different human characters in this frame of reference.

The problem is how all this diversity of human characters is arranged in real social life.

The most politically stable form seems to be the pyramid of power (despotism, tyranny, etc.)

Democracy is a form of unstable social equilibrium; it is like a kind of pyramid with the top pointing downwards. But democracy can find at least as stable an equilibrium if it is spun like a top. The stability of democracy is guaranteed by the rotation of parties in power. When politicians perpetuate themselves in office, administrations become ankylose and collapse – the entire political class irrevocably loses the trust of the electorate.
The administrative pyramids of tyrannies are in fact the rubble heaps of failed democracies.